Verbände schlagen Alarm: Ärztemangel immer größer

03.09.2010 (BIERMANN) – Die Lücken in der ambulanten und stationären ärztlichen Versorgung werden immer größer, obwohl es mittlerweile diverse Maßnahmen gibt, um den Ärztemangel in Deutschland zu bekämpfen. Das geht aus der neuen Arztzahlstudie hervor, die im Auftrag der Bundesärztekammer und der Kassenärztliche Bundesvereinigung erstellt wurde. Demnach müssen bis zum Jahr 2020 allein im ambulanten Bereich mehr als 50.000 Ärzte ersetzt werden, darunter gut 28.000 Fachärzte.

Die Autoren gehen davon aus, dass sich neben der hausärztlichen auch Lücken in der augenärztlichen, nervenärztlichen, frauenärztlichen und hautärztlichen Versorgung auftun werden. Ein wichtiger Grund: Die deutsche Ärzteschaft überaltert, allein der Anteil der unter 35-jährigen berufstätigen Ärzte ist in den letzten 15 Jahren um 36 Prozent gefallen, heißt es in der Studie.

Betrachtet man das Durchschnittsalter der Vertragsärzte insgesamt getrennt nach Facharztgruppen, so fällt auf, dass die ärztlichen Psychotherapeuten mit 53,57 Jahren die älteste Facharztgruppe sind, gefolgt von den Allgemeinärzten/Praktischen Ärzten mit 53,15 Jahren und den Chirurgen mit 52,90 Jahren.

Doch auch die unter dem Oberbegriff "Nervenärzte" zusammengefasste Gruppe der Nervenärzte, Neurologen, Psychiater sowie Psychiater und Psychotherapeuten, die nicht überwiegend psychotherapeutisch tätig sind, ist mit einem Durchschnittalter von 52,56 kaum jünger. Die jüngste Facharztgruppe sind mit immer noch 50,33 Jahren die Orthopäden.

Neben den Allgemeinärzten ist die Anzahl der über 59-jährigen Ärzte vor allem bei den ärztlichen Psychotherapeuten und den Nervenärzten sehr hoch. Deutlich wird so, dass in den nächsten Jahren gut ein Fünftel aller ärztlichen Psychotherapeuten und Nervenärzte altersbedingt in den Ruhestand gehen wird.

Auch der Nachwuchs bereitet Probleme: Die Zahl der der Medizinstudenten im ersten Semester sei in den letzten Jahren zwar relativ konstant geblieben, gleichzeitig wurde aber eine rückläufige Zahl an Absolventen registriert. So haben beispielsweise in den Jahren von 2003 bis 2008 von 61.511 Studienanfängern 10.996 (17,9 %) ihr Studium nicht erfolgreich
abgeschlossen.

Dies kann nur dadurch erklärt werden, dass die Zahl der Studienabbrecher und Studienplatzwechsler zugenommen hat. Der Verlust geht aber auch nach dem Studium weiter. Nicht alle Absolventen werden nach dem Studium als Arzt tätig, oder sie gehen direkt ins Ausland. In diesen sechs Jahren sind es insgesamt 5854 Absolventen (11,6 %), die der medizinischen Versorgung in Deutschland verloren gegangen sind.

Des Weiteren kristallisiert sich heraus, dass das Studium der Humanmedizin immer mehr zu einem "Frauenfach" wird - der Anteil der Frauen bei den Erstsemestlern beträgt mittlerweile 63 %. Dieser "Feminisierungstrend" der medizinischen Profession wird allerdings in der Phase der Weiterbildung gestoppt - die Frauenquote sinkt, da viele Frauen wegen der mangelnden Vereinbarkeit von Beruf und Familienleben eine ärztliche Tätigkeit nicht mehr ausüben (können). Vor diesem Hintergrund bedeute der Anstieg des Frauenanteils in der Ärzteschaft von 33,6 Prozent im Jahr 1991 auf 42,2 Prozent im Jahr 2009 eine gewaltige Veränderung von zur Verfügung gestelltem Arbeitsvolumen.

Die Arztzahlstudie bestätigt den den Trend zur fachärztlichen Versorgung, der allerdings nicht erst seit wenigen Jahren bestehe, sondern eine dauerhafte Entwicklung sei. Das nach der Bedarfsplanungs-Richtlinie vorgesehene Verhältnis von Hausärzten zu Fachärzten von 60 zu 40 existierte zuletzt im Jahre 1991.

Seitdem ist der Fachärzteanteil um ein knappes Drittel auf 52,4 % (2009) gestiegen. Im Jahr 2009 gab es in Deutschland 63.497 Fachärzte und 57.631 Hausärzte. "Kaum jemand bestreitet noch, dass wir uns auf dem Weg in eine Wartelistenmedizin befinden. Es gibt eine fortschreitende Ausdünnung der ambulanten Versorgung in der Fläche und wachsende Zugangsprobleme zu manchen hoch spezialisierten Versorgungsangeboten", sagte der Vize-Präsident der BÄK, Dr. Frank Ulrich Montgomery.

"Ärztliche Arbeit muss sich lohnen - privat und finanziell. Es geht um die Motivation einer ganzen Generation nachwachsender Ärztinnen und Ärzte. Eine Gesellschaft des langen Lebens braucht Ärztinnen und Ärzte in Klinik und Praxis und nicht in anderen Berufsfeldern, sonst bricht die gesundheitliche Versorgung in Deutschland ein", sagte Montgomery

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